Wendepunkt Corona – Teil 4

Andreas Marx Verkehr + Umwelt

Quelle: Our World in Data

Fazit

Unsere globalisierte arbeitsteilige Welt braucht ein komplexes Zusammenspiel von Produktion und Transport. Für ein in Europa verkauftes komplexes Endprodukt stecken nicht selten Komponenten aus mehr als 100 Ländern rund um den Globus. Jede Störung dieses empfindlichen Räderwerks hat massive Auswirkungen auf die Verfügbarkeit, wie die aktuelle Krise am Beispiel Medizin- und Pflegeprodukten deutlich aufzeigt. Wie kommt es dazu?

Schlüsselindustrien die mit ihrer Produktion dem niedrigsten Kostenniveau in jeden Winkel der Erde folgen benötigen weltweite und vor allem lange Produktions- und Lieferketten, die einen immensen logistischen Aufwand mit sich bringen. Je günstiger die Transportkosten, desto eher rechnen sich selbst weltweite Lieferketten zur Verlagerung der Produktion in Niedriglohnländer. Schiffe, die unter Billigflaggen fahren um niedrigste Arbeits- und Lohnstandards legal anzuwenden.

Mit Mobilität hat das nichts zu tun, da das erhöhte Transportaufkommen erst durch Verlagerung der Produktion und Intensivierung des Handels entsteht. Wer die Produktion lebenswichtiger Produkte bedenkenlos ans andere Ende der Welt verlagert, schafft Abhängigkeiten, die schnell zu Krisensituationen führen. Wenn strategisch wichtige Erzeugnisse aus purem Profitdenken zu Spekulationsobjekten werden, drohen Engpässe und Notsituationen. 

Die Deutsche Pharmaindustrie, einst als “Apotheke der Welt” bekannt, importierte in den letzten 20 Jahren immer mehr Waren. 2018 im Wert von 59 MRD € p.a.  

Autos, Roboter, Medizintechnik
Der Untersuchungszeitraum der Studie  liegt zwischen 2014 und 2017. In 112 Fällen kauften die Chinesen Anteile in den besagten zehn Schlüsselindustrien. Davon lagen 21 Prozent im Bereich energiesparender Autos und alternativer Antriebe, 19 Prozent im Bereich Energiesysteme, 15 Prozent bei Herstellern von Robotern – beispielsweise der deutsche Konzern Kuka. Das sind laut der Bertelsmann-Stiftung Bereiche, in denen die Chinesen auch vor 2015 gerne einkauften.

Wie die aktuelle Covid-19 Pandemie offenbart, hat die Globalisierung empfindliche Nebenwirkungen, auch wenn die weltweiten Lieferketten ökonomisch extrem interessant sind. So werden langfristig regionale Produktionskapazitäten genauso aussterben wie zahlreiche heimische Tierarten, die von eingeschleppten Arten bedroht sind [1].

Der tatsächlich verursachte Verbrauch von Ressourcen, die nachhaltige Belastung der Umwelt und damit die Gefährdung des Weltklimas und letztlich der Zukunft der Menschheit bleiben in der Regel bei Entscheidungen über mögliche Produktionsverlagerungen in Billiglohnländer außen vor.

Eine Erhöhung der Transportkosten um die immanenten externen Kosten, die durch das jeweilige Transportmittel verursacht werden, führt zu mehr Gerechtigkeit bei der Standortwahl und zu einer nachhaltigen Verkehrsvermeidung. Dann würden auch unsinnige Transporte völlig unrentabel sein. Man denke nur an Krabben, die zum Puhlen von Büsum aus nach Marokko versandt werden, oder Kartoffeln zum Schälen nach Osteuropa und zum Verpacken wieder zurück nach Deutschland… 

Eine verursachungsgerechte Belastung von Verkehrsmitteln reduziert nicht nur den Verkehr an sich, sondern auch alle damit in Zusammenhang stehenden Einflüsse, vom Pandemierisiko über die nachhaltige Stärkung lokaler Arbeitsteilung bis hin zur Verbesserung des Klimaschutzes und der CO2-Bilanz. Außerdem werden umweltfreundliche Verkehrsmittel deutlich attraktiver und der Modal Split verschiebt sich dauerhaft.

Müssen die „echten“ Kosten und Auswirkungen des Verkehrs vom Verursacher bezahlt werden, wird umweltbeeinflussender Verkehr zum Teil deutlich teurer. Aber gleichzeitig verbessern sich die Chancen von umweltfreundlichen und regionalen Alternativen, von Verkehrsvermeidung, Verlagerung und Verringerung. Und das, ohne die Mobilität der Menschen zu beeinträchtigen.

Im Gegensatz zur Mobilität ist Verkehr nur das Mittel zum Zweck. Verkehr ist definiert als: 

Zielgerichtete Ortsveränderung von Personen, Gütern, Nachrichten unter Verwendung von Energie und Information einschließlich Unterstützungsprozessen (z.B. Lager- und Umschlagprozesse)

Konkrete Ansätze und Umsetzungsempfehlungen für die o.g. Internalisierung negativer externer Effekte gibt es schon seit 2007 zur Belastung von Umweltschäden. Letztlich wird diese Methode nur dann realisierbar sein, wenn es zum weltweiten Standard wird.

Das aktuelle Covid-19 Desaster bietet trotz des unsäglichen Leids, das die Krise in weltweit ausgelöst hat, immerhin eine reale Möglichkeit für die erforderliche Zustimmung zu einem solch gravierenden Paradigmenwechsel.

Es geht nicht um Abschottung sondern um fairen Wettbewerb, der nicht zu Lasten der Allgemeinheit (Gemeingut saubere Umwelt) geht. 

Ändert sich nichts, kann man nur hoffen, dass uns die nächste weltweite Pandemie nicht so schnell erreicht. Think global – act local ist deshalb eine wesentliche Erkenntnis aus der aktuellen Katastrophe. 


[1] In Deutschland rechnet man mit einem Aufkommen von schätzungsweise 1.000 gebietsfremden Tierarten.

Verkehr als Hebel 

Ein fairer globaler Wettbewerb ist nur durch verursachungsgerechte Transportkosten möglich.

Die Kosten des wachsenden Transportaufkommen werden nur zu einem ganz geringen Teil von den Verursachern getragen, die Belastung der Umwelt wird billigend in Kauf genommen. Müssten die Verursacher die tatsächlichen Kosten des Ressourcenverzehrs und der Auswirkungen tragen, würde das die Transportkosten deutlich erhöhen und in der Folge zu einem Rückgang des weltweiten Handels führen. Vermeidung, Verlagerung und Verringerung des Verkehrsaufkommens wären die Folge. Gleichzeitig stiegen jedoch die Chancen für umweltfreundliche und regionale Alternativen, eine Verlagerung auf emissionsarme Verkehrsmittel wäre das Ergebnis.

Die Abhängigkeit von weltweiten Lieferketten für Produkte der Schlüsselindustrie muss deutlich entschärft werden, um die Grundversorgung für Schlüsselprodukte, wie Medizin und Schutzkleidung dauerhaft sicherzustellen. Es ist nicht verwunderlich, dass weltweit Engpässe entstehen, wenn die Produktion sich auf wenige Staaten in Fernost konzentriert die ausgerechnet selbst hart von einer Pandemie getroffen sind. Regionale Produktionsstandorte (EU Binnenmarkt) reduzieren die Abhängigkeit und sind räumlich näher am Bedarf. Medizin, Lebensmittel, Energie sollten auch in weltweiten Krisenzeiten und geschlossenen Grenzen sicher verfügbar bleiben.  

Vermeidung von: 

  • Engpässen in der medizinischen Versorgung (Kapazität, Personal, Produkte)
  • Existenziellen Abhängigkeiten von weltweiten Produktionsketten 
  • Abhängigkeit bei der Grundversorgung (Autarkie) 
  • Verkehr ohne Mobilitätsgewinn 

Der Abbau von Wettbewerbsverzerrungen durch weltweite Mindestanforderungen:

  • Verbindliche Standards wie Sozialcharta, Kinderarbeit, Existenzminimum, Mindesteinkommen
  • Umweltneutrale Produktion, entweder werden alle, in Produktionsprozessen verbrauchten, verunreinigten, in Mitleidenschaft gezogene Gemeinschaftsgüter wieder in den ursprünglichen Zustand zurückversetzt oder eine monetäre Ausgleichszahlung in Höhe des Neutralisationsaufwands fällig
  • Die Transportkosten jeder Produktbewegung werden mit den von ihnen verursachten externen Kosten belastet
Container, genormte Frachtbehälter, die gleichermaßen per Schiff, Eisenbahn oder LKW transportiert werden können, haben die Globalisierung des Warenhandels entscheidend befördert, aber die Zahl der Arbeitsplätze in den Häfen reduziert. Einer der weltweit größten vollautomatisierten Containerhäfen befindet sich in Hamburg-Altenwerder. (© Reuters / Christian Charisius)
https://www.bpb.de/izpb/262129/vor-und-nachteile-offenen-welthandels?p=all

Im Ergebnis werden Handelsströme eingedämmt und zugleich die regionale Produktion im Wettbewerb gestärkt, da sie vergleichsweise günstiger werden, auch gegenüber Niedriglohnländern.   

Daneben werden insbesondere Flugreisen natürlich für alle teurer und weniger nachgefragt. Dazu stellt sich die Frage, ob es nicht sinnvoller ist, die Völkerverständigung zu allererst auf die Europäischen Nachbarn zu konzentrieren, bevor Fernreisen und Kurztrips das andere Ende der Welt alltäglich werden?  

In der Folge kann dauerhaft erreicht werden:

  • Reduktion umweltschädlicher Emissionen
  • Weltweit einheitliche und (hoffentlich) faire Wettbewerbsbedingungen 
  • Produkte verteuern sich aufgrund des hohen Transportkostenanteils
  • Anstieg der Verbraucherpreise (und vielleicht bewusster Konsum)
  • Größere Bedeutung der Produktqualität bei der Kaufentscheidung
  • Nachhaltiger Lebensstil
  • Ausbau nachhaltiger Verkehrsmittel

Es wird Jahre oder Jahrzehnte dauern, bis sich die Wettbewerbsbedingungen weltweit zumindest einigermaßen aneinander angepasst haben. Vor dem Hintergrund der aktuellen Pandemie ist die Weltgemeinschaft JETZT sensibilisiert und bereit, ihr Verhalten umfassend zu verändern. Also keine Zeit verlieren, denn es ist alles preiswerter als die Kosten der aktuellen Pandemie!

ENDE