Wendepunkt Corona – Teil 2

Andreas Marx Verkehr + Umwelt

Die Bedeutung von freien Gemeinschaftsgütern

Der globale Welthandel findet überwiegend auf dem Seeweg statt. Die interaktive Datenvisualisierung, die vom in London ansässigen Datenvisualisierungsstudio Kiln und dem UCL Energy Institute erstellt wurde https://ourworldindata.org/trade-and-globalization, gibt Einblick in die Komplexität des Handels. Sie zeigt die Position von Frachtschiffen auf den Ozeanen weltweit.

Wenn wir Ressourcen übernutzen, etwa die Weltmeere als Deponieraum für Abfälle oder Umweltgifte missbrauchen, siegt der Eigennutz Einzelner über das Wohl der Gemeinschaft. Deshalb muss die Politik weltweit diese freien und öffentlichen Güter weitsichtig bewirtschaften, und die Nutzung wirkungsvoll bepreisen, beispielsweise mit den Aufbereitungskosten für verunreinigtes Wasser oder einem Preis für die CO₂-Freisetzung in die Atmosphäre. Die freien Güter werden dadurch zu knappen Gütern für die sich Märkte und Marktpreise bilden. Staatliches Management kann damit die freien Ressourcen auf Dauer sichern und die Freiheit für eine saubere Nutzung aller schützen. Es gibt bereits gute Ansätze zur verursachungsgerechten Bepreisung des Verzehrs oder Zustandsverschlechterung freier Güter, aber wir stehen hier noch ganz am Anfang.  

Das Umweltbundesamt hat dem Thema Seeverkehr eine eigene Website gewidmet: https://www.umweltbundesamt.de/themen/wasser/gewaesser/meere/nutzung-belastungen/schifffahrt#fakten-zur-seeschifffahrt-und-zu-ihren-auswirkungen-auf-die-umwelt

Weltweit ist der Seeverkehr in den vergangenen Jahrzehnten kontinuierlich gestiegen. Bis 2020 wird eine jährliche Zunahme von 2 bis 3 Prozent erwartet. Derzeit erfolgen etwa 90 Prozent des Welthandels auf dem Seeweg. Von etwa einem Drittel der weltweiten Schiffsbewegungen liegt der Ziel- oder Ausgangshafen in der Europäischen Union (EU). Nord- und Ostsee gehören damit zu den am häufigsten und dichtesten befahrenen Meeren der Welt. Beispielsweise durchqueren jährlich mehr als 30.000 Schiffe den Nord-Ostsee-Kanal, und etwa 2.000 Schiffe fahren täglich und zu jeder Zeit auf der Ostsee.

Die Meeresumwelt wird durch die Seeschifffahrt erheblich belastet. Umweltgefährliche Chemikalien im Schiffsanstrich, das Einschleppen von standortfremden Organismen als Bewuchs oder mit dem Ballastwasser, das Einbringen von Abwasser und Abfällen ins Meer, Schadstoffe aus Abgasen oder Ölverunreinigungen sowie Schiffslärm beeinträchtigen den Zustand der Meeresumwelt. So ist der Schiffsverkehr auf den Weltmeeren schon heute für circa 2,6 Prozent der klimaschädlichen globalen CO2 -Emissionen verantwortlich.

Weltweiter Standortwettbewerb

Die Corona Krise wirft zum Thema weltweite Arbeitsteilung und grenzenloser Güterverkehr eine Reihe von Fragen auf: 

Im Jahr 2018 wurden pharmazeutische und ähnliche Erzeugnisse im Wert von 83 Mrd € exportiert und 59 Mrd € importiert. Deutschland galt in der Vergangenheit als „Apotheke der Welt“ [1]. Warum wurde die Produktion von Pharmazeutika wie Antibiotikum und wichtiger medizinischer Produkte, wie Schutz- und Desinfektionsmittel nach Fernost verlagert? (Gleiches gilt für weitere Schlüsselindustrien.)

Quelle: statista

Natürlich geht’s um’s Geld, um was sonst. Oft ist es der kurzfristige wirtschaftliche Erfolg der zählt. Die Spätfolgen werden bei der Standortentscheidung meist nicht bedacht oder allzu oft bedenkenlos in Kauf genommen. Schade, denn die leichtfertige Abwanderung der Produktion ins Ausland kann die Wettbewerbsfähigkeit und den Zukunftserfolgswert der Deutschen Industrie nachhaltig schädigen. Spätestens dann, wenn der Bedarf an diesen Erzeugnissen im Binnenmarkt des Abwanderungslands gedeckt ist und das importierte Wissen genutzt wird, um auf dem Weltmarkt billig anzubieten, schwappt die Verlagerungswelle zurück. Dann konkurriert so mancher Hersteller (mit ausgelagerter Produktion) mit seinen ehemals eigenen Produkten.

Wird fortgesetzt in Teil 3 und 4.


[1] Dr. Niklas Lenhard-Schramm ‚Von der „Apotheke der Welt“ zum Arzneistoffimporteur‘ in Deutsche Apotheker Zeitung Nr. 44 vom 01.11.2018