Wendepunkt Corona – Teil 1

Andreas Marx Verkehr + Umwelt

Wie hängen weltweite Pandemien mit Transportkosten und fairem Wettbewerb zusammen und was muss geschehen, um die Risiken beherrschbar zu machen?  

Pandemien als Folgen unserer hypermobilen Weltgesellschaft

Macht es Sinn darüber nachzudenken, wie die nächste weltweite Pandemie verhindert werden kann, obwohl das Corona Desaster noch in vollem Gange ist? Ich denke ja. Viele Wissenschaftler sind sich darüber einig, dass die nächste Virusinfektion nur eine Frage der Zeit sein wird. Neu auftretende Virenkrankheiten, zu denen nicht nur Covid-19 und Sars sondern auch AIDS und Ebola zählen, entstehen nicht im Menschen sondern werden von Tieren auf uns übertragen (Zoonosen). Sars und Covid-19 wurden von Wildtieren übertragen[1]. Die rasante weltweite Ausbreitung des Virus wiederum ist eindeutig auf die globale Vernetzung der Welt zurückzuführen.

„Dass eines Tages eine große Pandemie ausbricht, ist keine Überraschung. Das Coronavirus zeigt, dass wir als Menschheit noch nicht in der Lage sind, fundamentale globale öffentliche Güter bereitzustellen. Das gilt auch für die globale Klimapolitik. Das Coronavirus lehrt uns aber auch, dass von diesen öffentlichen Gütern der Wohlstand im 21. Jahrhundert abhängen wird. Auch das hat die Verhinderung von Pandemien mit der Klimapolitik gemeinsam.“

Ottmar Edenhofer, Professor für die Ökonomie des Klimawandels an der TU München und Direktor am Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung in DIE ZEIT 11.2020

Ein Krankheitserreger, der keine Grenzen kennt, hat es deutlich gemacht: in Krisenzeiten konzentrieren sich alle Regierungen zunächst auf die Heimat. Internationale Zusammenarbeit ist nachrangig.

Da sich die nächste weltweite Virusinfektion in unserer vernetzten globalisierten Welt nicht vermeiden lässt, wird es Zeit die Notfallpläne aus den Lehren von Covid-19 anzupassen. Dabei darf nicht nur die medizinische Versorgung im Vordergrund stehen, sondern insbesondere Maßnahmen zur Vermeidung einer schnellen Ausbreitung der Krankheitserreger und die Entstehung verheerender Wirtschaftskrisen. Die zusammengewachsene Weltgemeinschaft muss in die Lage versetzt werden, lokale Risiken so einzudämmen, bevor diese zur globalen Gefahr mutieren. Weltrisikogesellschaft nennt das der Soziologe Ulrich Beck[2]

Die Kosten der drohenden weltweiten Rezession aufgrund der aktuellen Pandemie lassen sich aktuell auch nicht ansatzweise abschätzen, aber astronomisch hohe Werte sind zu erwarten. Um Schlimmeres zu vermeiden, muss der Staat in nie gekannter Weise einspringen, um einen drohenden Kollaps der Volkswirtschaft zu verhindern. Ist das der Preis für unsere zusammengewachsene Welt, in der nichts mehr weit weg erscheint?

Globale Märkte und Transportaufkommen

Kaum ein Thema wird so intensiv und kontrovers diskutiert wie die Globalisierung. Weltweites wirtschaftliches Wachstum und Wohlstand, die Annährung der Kulturen und ungeahnte Entfaltungsmöglichkeiten konkurrieren mit der Furcht vor einer Dominanz der Ökonomie, dem Verlust regionaler Vielfalt, ökologischem Raubbau sowie einer wachsenden Kluft zwischen Arm und Reich.


[1] Jared Diamond und Nathan Wolfe „Der Virenmarkt – Wenn der Handel mit Wildtieren nicht gestoppt wird, droht der Welt die nächste Pandemie“ in Süddeutsche Zeitung Nr. 69, 23.03.2020

[2] Ulrich Beck (1944 – 2015) deutscher Soziologe

Sinkende Transportkosten, niedrige Energiepreise und abnehmende Zölle gehören zu den zentralen Voraussetzungen der Globalisierung. Sowohl die Kommunikationskosten als auch die See- und Luftfrachtkosten sind in den letzten Jahrzehnten massiv gesunken. Und auch das Zollniveau hat einen historischen Tiefstand erreicht.

Seit 1930 sind sowohl die Kosten für den See- und Lufttransport als auch die Telekommunikationskosten massiv gesunken. Die Kosten für Seefracht und Lufttransport verringerten sich innerhalb von 70 Jahren um 65 bzw. knapp 90 Prozent. (https://ourworldindata.org/grapher/real-transport-and-communication-costs?time=1930..2005)

Innerhalb von 30 Jahren haben sich die Exporte von Waren und Dienstleistungen aus Deutschland fast verachtfacht. Noch dynamischer wuchs der Handel aller Volkswirtschaften mit Waren und Dienstleistungen. Der Welthandel stieg von 1985 bis 2015 um 930 Prozent, von 2.310 Milliarden auf 21.447 Milliarden US-Dollar (https://www.bpb.de/nachschlagen/zahlen-und-fakten/globalisierung).

Weltweite Lieferketten nutzen die komparative Kostenvorteile jedes einzelnen Marktes gnadenlos, um möglichst billig zu produzieren. Die dazu erforderlichen Transporte sind zu billig, da sie keine externen Effekte berücksichtigen (auch Externalität) mit der Volkswirte unkompensierte Auswirkungen ökonomischer Entscheidungen auf Unbeteiligte bezeichnen. Also Auswirkungen, für die niemand bezahlt oder einen Ausgleich erhält. 

Wird fortgesetzt in Teil 2, 3 und 4.