Verkehr ohne Mobilitätsgewinn vermeiden

Andreas Marx Anlagenmanagement, Asset Management Software, climate change, Corona virus, Instandhaltung, Pandemic, Verkehr + Umwelt

Interview mit inmotion

Kunden- und Mitarbeitermagazin der Vossloh AG

Chancen nach der Krise

Wie geht es weiter, welche Chancen bietet der große Stillstand? Wir sprechen darüber mit Andreas Marx. Der Geschäftsführer des Gemeinschaftsunternehmens Rhomberg Sersa Vossloh GmbH ist Autor zahlreicher Artikel in den führenden Fachzeitschriften unserer Branche. Unser Gesprächspartner widmet sich intensiv den Themen von Morgen, die strategische Bedeutung für eine langfristig ausgerichtete Instandhaltung von Schienennetzen haben.

Ich könnte mir vorstellen, dass die Diskussion um die Nachhaltigkeit der Verkehrsträger jetzt richtig Fahrt aufnimmt, ich wünsche mir das sogar.

Herr Marx, die Globalisierung hat uns wirtschaftliches Wachstum und Wohlstand, die Annäherung der Kulturen und ungeahnte Entfaltungsmöglichkeiten gebracht. Die jüngste Pandemie zeigt aber auch, dass wir verwundbar geworden sind.

Wir spüren gerade die Nebenwirkungen der globalisierten und arbeitsteiligen Wirtschaft. Konsum- und Produktionsregionen sind auseinandergefallen. Der Welthandel hat sich nur in den 30 Jahren zwischen 1985 und 2015 um 930 Prozent vervielfacht. Es gibt eine einfache Erkenntnis: Was möglich ist und sich rechnet, wird auch gemacht. Die Schlüsselindustrien folgen mit ihrer Produktion dem niedrigsten Kostenniveau, egal in welchem Winkel der Erde.

Sie organisieren mit den BahnWege-Seminaren® und Foren den regelmäßigen Austausch zwischen Wissenschaft und Praxis. Was begünstigt nach Ihrer Beobachtung dieses hohe Maß an Globalisierung?

Zentrale Voraussetzungen dafür sind – neben niedrigen Energiepreisen und niedrigen Zollschranken – vor allem niedrige Transportkosten. Wenn wir uns die Kosten für den Seetransport, über den der globale Handel ganz überwiegend läuft, anschauen, stellen wir fest, dass sich die Kosten seit 1930 auf ungefähr ein Fünftel reduziert haben. Das alles hat zu komplexen Lieferketten geführt. Jetzt, mit Auftreten der weltweiten COVID-19-Pandemie, wird einfach nur sichtbar, dass bestimmte Güter lokal gar nicht mehr verfügbar sind.

Was bedeutet das für den Transportsektor?

Ich könnte mir vorstellen, dass die Diskussion um die Nachhaltigkeit der Verkehrsträger jetzt richtig Fahrt aufnimmt, ich wünsche mir das sogar. Bislang dreht sich der politische Diskurs vor allem um den Straßenverkehr, auch zu Recht, weil hier der Löwenanteil der klimaschädlichen CO2-Emissionen anfällt. Aber: Wenn wir uns eine globalisierte Welt wünschen, die auch auf lange Sicht noch lebenswert existiert, müssen wir an einen anderen Hebel heran. Der Schlüssel sind Transportkosten, die die realen Kosten des Verkehrs abbilden. Sehen Sie, bei Transportleistungen entstehen die sogenannten externen Kosten – das sind Schäden, die der Allgemeinheit durch die Schädigung der Umwelt, also insbesondere Luft- und Wasserverschmutzung, durch den Verbrauch nicht nachwachsender Rohstoffe, Lärm oder Unfälle entstehen. Wir sprechen nur in der Europäischen Union von einer Größenordnung von vielen hundert Milliarden Euro pro Jahr. Diese Kosten tauchen in keiner Frachtkostenkalkulation auf, niemand, der eine Frachtleistung in Anspruch nimmt, zahlt dafür. Wir, die Menschheit, zahlen den Preis mit Umweltzerstörung und eben auch mit Pandemien, die ja nachweislich eine Folge zerstörter Lebensräume sind.

Müssen wir dann nicht um unsere Mobilität fürchten?

Ganz und gar nicht. Wir müssen Verkehre ohne Mobilitätsgewinn vermeiden. Mit anderen Worten: Die unsinnigen Transporte müssen verschwinden, die keinen echten Mehrwert bieten und dabei unsere natürlichen Lebensgrundlagen zerstören. Die Beispiele sind doch bekannt: Deutsche Krabben, die zum Pulen nach Marokko und dann wieder zurück geschafft werden; Kartoffeln, die zum Schälen nach Osteuropa und zum Verpacken wieder nach Deutschland geschickt werden; das 5-Euro-T-Shirt, zu dessen Produktion 2.500 Liter Wasser in einem Land mit Wasserstress verbraucht werden. Die nachhaltige Lösung kann nur sein, externen Kosten ein Preisschild zu geben. Die Folge wird nicht weniger Mobilität sein, sondern umweltfreundliche Mobilität.

Welche Konsequenzen hätte die Bepreisung externer Kosten für den Schienenverkehr?

Die Schiene zählt nicht nur zu den emissionsärmsten, sondern auch zu den sichersten Verkehrsträgern mit den niedrigsten externen Kosten. Der Flächenverbrauch ist gering. Die Bahn ist Teil der Lösung! Und unsere Hausaufgaben, um noch nachhaltiger zu werden, haben wir doch längst erkannt, nach heutigem Wissensstand erledigt, und wir arbeiten permanent weiter daran: Weitere Verringerung von Bahnlärm, umweltfreundliche Komponenten für die Bahninfrastruktur, höhere und wirtschaftliche Verfügbarkeit der Strecken.

Vielen Dank für das Gespräch!