2. Punktforum “Barrierefreier ÖPNV” (Kurzbericht Teil 2/2)

Andreas Marx Punktforum Leave a Comment

Fortsetzung des Kurzberichts über das 2. Punktforum “Barrierefreier ÖPNV”, das in der Zeit vom 26. bis 27.09.2017 in der ehemaligen Residenzstadt Weimar stattfand.  40 Teilnehmer erlebten hochkarätige Referenten und gut aufeinander abgestimmte Vorträge zu den wesentlichen Aspekten der Zielvorgabe einer vollständigen Barrierefreiheit bis 2022. Neben den Präsentationen konnte die  Diskussion maßgeblich zum Verständnis von Hintergrund, Entstehung, Zielen und Ausnahmen, die der Gesetzgeber mit dem 2013 novellierten Personenbeförderungsgesetz verbindet, beitragen.

Zum Titelbild: Im Rahmen der Exkursion wurde die “sprechende Straßenbahn” in Erfurt besichtigt. Gemeinsam mit der Gesellschaft für Sprachtechnologie GmbH Berlin und der Fachhochschule Erfurt entwickelte die Erfurter Verkehrsbetriebe AG ein Ansagesystem, das gerade sehbehinderten Menschen die Nutzung des Nahverkehrs erleichtert. Dabei handelt es sich um ein deutschlandweit einmaliges System, bei dem die Ansagelautstärke automatisch an die Umgebungslautstärke angepasst wird. An der Türseite der Bahn befinden sich Flächenlautsprecher. In Kopfhöhe der Fahrgäste sorgen sie für einwandfreie Hörqualität. Bereits wenige Meter von der Bahn entfernt ist nichts mehr zu hören.

  1. Jürgen Späth, SWU Verkehr GmbH, Ulm: Straßenbahnfahrzeuge und Barrierefreiheit in Ulm – Barrierefreiheit kann nur hergestellt werden, wenn Fahrzeuge und Infrastruktur aufeinander abgestimmt sind.Über viele Jahrzehnte waren in Deutschland Hochflurfahrzeuge mit mehreren Stufen in den Eingangsbereichen im Einsatz. Diese haben den Vorteil einer stoßhalbierenden Wirkung durch die Drehgestelle. Die dann einsetzende Entwicklung zur Erreichung der Barrierefreiheit kann grob in zwei Richtungen eingeteilt werden. Beibehaltung hochfluriger Fahrzeugkonzepte und Einführung niederfluriger Fahrzeuge mit niedrigen Einstiegshöhen.  Rückblickend auf die Erfahrungen mit Niederflurstraßenbahnen seit 2003 kann festgestellt werden, dass durch einen konsequenten Ausbau der Gleisanlagen mit Übergangsbögen (Klothoiden) bei Radienwechseln und einer hochwertigen Gleisverlegung auch mit 100% niederflurigen Mulitgelenkfahrzeugen sehr gute Werte beim Fahrkomfort und Verschleißverhalten erreichbar sind. Ein wichtiges Element der Barrierefreiheit ist in Ulm auch ein regelmäßiges Training mit den betroffenen Personen. So werden regelmäßig bei Trainingsterminen ein Bus und ein Straßenbahnfahrzeug an einer Endstelle bereitgestellt. Das Training wird von Fachkräften der SWU begleitet und findet eine sehr hohe Akzeptanz bei den betroffenen Personen.
  2. Gaby Freudenreich, Verkehrsgesellschaft Kreis Unna mbH: Barrierefreies Buskonzept im Kreis Unna – Das Besondere am Projekt JederBus ist, die betroffenen Menschen kontinuierlich in das Projekt einzubinden. Dies führt immer wieder zu pragmatischen, praxisnahen und vor allen Dingen auch nachhaltigen sowie von allen akzeptierten Lösungen. Das Projekt wird mittlerweile bundesweit positiv wahrgenommen.  Ebenso sorgen die Toleranzaktionen für ein konstruktiveres Miteinander, sowohl unter den Fahrgästen, als auch zwischen Fahrgast und Fahrer. Erreicht wurde dies in verschiedenen Teilprojekten: Sicherheitsringe, Bus.Hör.Stellen, Sprache, Akzeptanz/Toleranz, Busangst
  3. Ellen Engel-Kuhn, DB Vertrieb GmbH, Frankfurt/M.: Reisen für Alle – Bahnfahren ohne Barrieren – Die DB erstellt regelmäßig Programme hinsichtlich der Umsetzung von barrierefreien Maßnahmen und bindet hierbei auch Betroffene im regelmäßigen Austausch ein. Erkenntnisse über die Bedürfnisse von Menschen mit Behinderungen gewinnt die DB seit nahezu 15 Jah-ren im regelmäßigen Austausch mit Menschen mit unterschiedlichen Behinderungen. Angesichts der hohen Priorisierung der Barrierefreiheit entstand anlässlich der Initiative Mobilität 4.0 die Idee zur Entwicklung der App „DB Barrierefrei“ um Kunden mit Behinderungen in Form eines “digitalen Reisebegleiters” alle relevanten Informationen entlang ihrer Reisekette in einer für sie hilfreichen Form zur Verfügung zu stellen. Ziel ist, im Zuge der digitalen Entwicklung einen wertvollen und innovativen Beitrag zur Umsetzung eines ganzheitlichen, barrierefreien und inklusiven Konzeptes entlang der gesamten Reisekette zu realisieren und damit einen gesamtgesellschaftlichen Nutzen im Mobilitätsmarkt zu schaffen.
  4. Peter Krauß, Stuttgarter Straßenbahnen AG: Barrierefreiheit in Stuttgart – Herr Krauß berichtete über den akutellen Umsetzungsstand in Stuttgart und lenkte in seinem Beitrag das Interesse auf die Beteiligung und Integration der Betroffenen als Nutzer des ÖPNV und deren Hilfsmittel. Er zeigte auf, dass ein 6-rädiger Rollstuhl für das Boarding in die Straßenbahn völlig ungeeignet ist. Kanten zum Ertasten, für den Sehbehinderten wichtig, sind für den mobilitätseingeschränkten Rollstuhlfahrer jedoch ein Hindernis. Wichtig ist die kontrastreiche Gestaltung als Hilfe für Sehbehinderte oder Menschen mit kognitiven Einschränkungen. Wichtig ist, dass der Kontrast auch bei Dunkelheit und künstlicher Beleuchtung ausreichend groß ist. Die Beläge müssen zudem rutschsicher sein – hier ist die Dauerhaftigkeit jedoch oft nicht gegeben, da Bodenbeläge durch die Reinigung ihre Rauheit verlieren und rutschig werden. Auch die Markierung von Treppen nach DIN 18040 und 32975 ist je nach Blickwinkel sogar eher als gefährlich zu bewerten. Treppen ohne Schatten sind gefährlich – die Treppenkante sollte kontrastreich markiert sein.

    Markierung der ersten und letzten Stufe einer Treppenanlage. Machen Sie den Test: Wie viele Stufen können Sie erkennen?

     

     

    Es sind 5 Stufen! Besser ist es, jede Stufe zu markieren.

     

 

Gut geeigneter Treppenstein mit Kantenmarkierung

Das Feed-back der Teilnehmer war außerordentlich gut, so dass wir eine Fortsetzung Themenreihe “Barrierefreier ÖPNV” über  technische Alternativen und “best practice” Lösungen bereits planen.

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